Captured Moments

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Captured Moments ist ein Bildband von Karl-Heinz Weege. Karl-Heinz Weege ist seit der ersten Stunde Abonnent des SWAN Magazines und doch standen wir bisher kaum in Kontakt. Bis er uns einfach angeschrieben hat. Doch Karl-Heinz hat sich nicht bei uns als Künstler für eine der nächsten Ausgaben beworben, sondern uns sein Erstlingswerk, Captured Moments, ganz klassisch per Post zugesandt.

Darüber und für das uns gegenüber erbrachte Vertrauen bedanken wir uns sehr. Und Karl-Heinz ist nicht der einzige, der diese Gelegenheit der Kontaktaufnahme gesucht hat. Bevor wir heute „Captured Moments“ vorstellen, haben wir im März 2019 von Helmut Rüb „Ein Jahr in elf Tagen“ und im April 2019 von Oliver Fischer „Zusammen gefasst“ auf unserem Blog präsentiert.

Captured Moments by Karl-Heinz Weege

Bilder gehören gedruckt!

Wir freuen uns über jede einzelne Publikation, die Fotografen heute wagen. „Wa(a)gen“ ist vermutlich das richtige Wort. Denn oft ist es so, dass sich Ausgaben und Einnahmen bei einer gedruckten Publikation heute nicht mehr die Waage halten. Umso mehr ideellen Wert hat für uns jedes einzelne Druckwerk, in dem Fotografen das Ergebnis ihrer kreativen Arbeit präsentieren.

Karl-Heinz Weege mit Demir

Captured Moments

Kurz vor Weihnachten erreichte uns der Paketbote mit einem sauber verpackten Fotobuch. Mit dabei: Ein persönliches Anschreiben von Karl-Heinz, in dem er schön verpackt die Fakten auflistet:

  • Limitierte Auflage
  • 88 Seiten
  • DIN A4 Format
  • Softcover Fadenheftung
  • Ungestrichenes Papier
  • Neun Bildstrecken
  • Neun Personen
  • Alles in Schwarzweiss

Doch nun zum Fotobuch selbst

Der erste Eindruck eines Fotobuches entsteht ja bekanntlich schon lange, bevor man es aufschlägt. Der Einband und die Beschriftung des Selbigen schafft schon eine gewisse Erwartungshaltung. Und auch die Haptik spielt eine durchaus entscheidende Rolle.

Bildbände, die in bedrucktem Leinen eingepackt sind, metallische Aufdrucke besitzen oder gar in Leder eingebunden sind, gehören wohl mit zu den hochwertigsten Einbänden. Doch sind diese gerade bei Kleinauflagen unattraktiv, weil es bei geringer Stückzahl keine Skaleneffekte gibt.

Karl-Heinz Weege hat für Captured Moments eine Nische gesucht. Neben ganz einfachem Papiercover und den zuvor beschriebenen Veredelungsstufen hat er sich für eine spezielle Veredelungsform entschieden. Wer das SWAN Magazine kennt, der kennt die Celluphanierung, mit der jede Ausgabe versehen ist, um das dickere Umschlagpapier zu schützen und zugleich einen samtigeren Eindruck auf den Handflächen zu hinterlassen.

Für Captured Moments hat Karl-Heinz Weege eine aufwändigere Coverbehandlung gewählt, die sich am besten so beschreiben lässt: Wer jemals eine etwas raue Wand mit einer harten Malerrolle gewalzt bzw. angestrichen hat, der wird sich vielleicht geärgert haben, dass die zurückliegenden Poren der Wand nicht durchgehend von der Wandfarbe erreicht wurden. Ähnlich ist es bei der Cover-Veredelung von Capured Moments. Während das Cover an sich mit einem unscharf gehaltenen Bild mit dem Schatten einer Person am Strand eh schon Aufmerksamkeit erzielt (und zum Umdrehen des Fotobuchs einläd, um die Quelle des Schattens überhaupt identifizieren zu können), ist es der „graue Anstrich des Cover“s, der so dick aufgetragen ist, dass er sich wie Samt anfühlt. Schon alleine das hebt Captured Moments aus anderen Veröffentlichungen hervor.

Der Inhalt

Neun Bildstrecken und neun Personen. Doch bevor Karl-Heinz damit beginnt, treffen wir auf das Vorwort. Er beschreibt seinen Weg von der Agfa-Box über Blümchenfotografie bis hin zu seiner heutigen Leidenschaft: Menschen! Wunderschön ist das Zitat von Peter Lindbergh, welches ideal auch auf die Arbeiten von Karl-Heinz Weege passt.

Karl-Heinz Weege mit Celine

Celine

Opener von Captured Moments ist Celine. Mit sieben wunderschönen Portraits zeigt Karl-Heinz Weege gleich in der ersten Bildstrecke, dass er nicht nur mit der Kamera, sondern auch mit den Menschen vor seiner Kamera umgehen kann. Während die Posen und Bildschnitte abwechslungsreich wechseln, sitzt die Schärfe auf den Punkt. Mit gekonnt eingesetztem Licht separiert er Model und Hintergrund voneinander und schafft so eine Dreidimensionalität der Bilder.

Karl-Heinz Weege mit Johanna

Johanna Marie

Im Gegensatz zu Celine (wo schwarzer Hintergrund dominierte), wird Johanna Marie mit wechselnden Hintergründen gezeigt. Gekonnt mit der Unschärfe gespielt, drängen sich die Hintergründe nicht zu sehr in die optische Wahrnehmung. Jedoch unterstreichen die Fresken einer Kirche und die perspektivischen Anordnungen die räumliche Wirkung der Aufnahmen, obwohl das Licht bei den Fotos von Johanna Marie eher eindimensional ist.

Karl-Heinz Weege mit Evelina

Evelina

Evelina ist schon vom Typ Mensch anders, als Celine und Johanna Marie. Hier mixt Karl-Heinz Weege das Portfolio mit Licht von verschiedenen Seiten. Er präsentiert dem Leser zudem zwei Aufnahmen, die Evelina in der Unschärfe des Hintergrunds verschwinden lassen. Die hohe Unschärfe bei zwei von insgesamt sechs Fotokunstwerken bewirkt, dass beide Motive ein wenig zu einem Suchbild mutieren. Man bekommt gleich beim ersten Betrachten den Eindruck, es könnte ein Mensch sein, wird dann aber von Naturelementen (Karl-Heinz‘ Biologiestudium lässt grüßen) optisch abgelenkt, bevor man dann doch wieder den Menschen entdeckt.

Karl-Heinz Weege mit Thalia

Thalia

Mit Thalia besuchte Karl-Heinz weder die Natur, noch die große Stadtkulisse, noch das Studio. Es scheint ein wenig so, als hätten Thalia und Karl-Heinz entweder ein Homeshooting durchgeführt oder aber eine Bar oder ein Café als Location gewählt. Erstmals tauchen in dieser Bildstrecke Accessoires, wie z.B. ein Wasserglas und eine Scheibe auf, durch die fotografiert wurde und die zusätzliche Reflektionen und Bildelemente ins Bild bringen. Spannend! Und noch etwas hebt Thalia von allen anderen in besonderer Weise ab. Es ist ihre burschikose Ausstrahlung, die nicht zuletzt durch ein kleines Accessoire, eine Fliege, stilvoll ergänzt wird.

Karl-Heinz Weege mit Demir

Demir

Mit Demir zeigt Karl-Heinz Weege, dass er nicht nur junge Frauen fotografieren kann, sondern durchaus auch im Bereich der Männerportraits zuhause ist. Gekonnt in der Mitte aller Bildstrecken positioniert, wandert Karl-Heinz hier das erste Mal über den Strand und touchiert das Genre der Fashion Photography. Während viele Fotografen auf schlichte und möglichst musterfreie Kleidung bestehen, nimmt Karl-Heinz mit Demir gleich zwei Herausforderungen an: Ein stark schwarzweiss gestreifte Hose hat Demir mit einem wild gemusterten Hemd kombiniert. Da bringt der Sandstrand im Hintergrund Ruhe ins Bild. Während die Muster die Blicke auf Demir lenken.

Sarah

Mit Sarah gewinnen die Damen wieder die Oberhand in Captured Moments. Und wie! Karl-Heinz nutzt wieder die Natur als Kulisse und setzt erstmals weibliche Reize als Stilmittel ein. Von Akt weit entfernt bieten gezielt eingesetzte Hautflächen den Reiz, Details zu suchen. Und doch zeigt Sarah nichts Intimes. Im Gegenteil: Ein in der Hintergrundunschärfe verschwindender nackter Rücken ist die Höchststufe der Freizügigkeit (hier im Blog zeigen wir nur Motive, die aus den Bildstrecken stammen, aber so nicht im Bildband enthalten sind, um die Fotokunstwerke des Bildbandes exklusiv zu halten). Gepaart mit dem sanften Lächeln von Sarah eine wirklich tolle Fotostrecke.

Theresa

Mit Theresa startet Karl-Heinz ganz klassisch: Ein traumhaftes Portrait ist der Opener zur sechsten Fotostrecke. Wieder besucht der Künstler zusammen mit seinem Model eine verlassene Fauna-Kulisse und setzt (mit Ausnahme des Opener-Bildes) gezielt Pflanzenelemente als Stilmittel ein, um die Dreidimensionalität der Bilder zu erhöhen. Mit Theresa taucht Karl-Heinz zudem in den Bereich der Melancholie ein. Das erhöht die Spannung, steigert die Wahrnehmung, wie unterschiedlich doch Bildstrecken sein können und bietet einen wunderbaren Gegenpol zur Fotostrecke mit Sarah.

Karl-Heinz Weege mit Josephine

Josephine

Zurück in geschlossene Räume geht es mit Josephine. Sinnliche Aufnahmen von zuhause, ein wenig im Stil Peter Lindbergh’s (aber etwas enger geschnitten) spielt Karl-Heinz mit Licht und Schatten. Bei Josephine wird dem Betrachter klar, wie wichtig Karl-Heinz die Natürlichkeit seiner Models ist. Man sieht, wie akzentuiert er die Bildbearbeitung einsetzt. Genauso erkennt man leicht, dass er den Anspruch verfolgt, dass das fertige Bild aus der Kamera kommen soll.

Karl-Heinz Weege mit Yvonne

Yvonne

Yvonne als „Outro“ zu bezeichnen würde weder Yvonne selbst, noch den Fotokunstwerken gerecht. Karl-Heinz zeigt zum Schluss seines Bildbandes nämlich nicht die schlechteste Strecke, sondern das in der Fotoszene wohl bekannteste Model unter allen Vorgenannten. Die Erfahrung vor der Kamera merkt man Yvonne z.B. im direkten Vergleich zu Theresa an. Mit Yvonne bedient Karl-Heinz das Genre der jungen, verführerischen Dame und nutzt dazu ganz klassisch Kissen und Decken. Auch bei dieser Strecke beweist Karl-Heinz, dass er mit Feingefühl an jedes Shooting herangeht und sein Handwerk beherrscht.

Überblick

Mit neun Models und neun in sich schlüssigen Fotostrecken zeigt Karl-Heinz Weege, dass er auf jedem Terrain zuhause ist, wenn es um gefühlvolle Peoplefotografie geht. Mit gekonnt eingesetzten Reizen tritt er den Beweis an, dass Sexiness auch ohne Akt funktioniert. Die wirklich nur punktuell eingesetzte Haut beweist, dass es zwischen dem reinen Portrait und der Aktaufnahme ein Spannungsfeld gibt, das in der Fotografie dieser Tage einen vielleicht doch zu geringen Anteil einnimmt. Hier und da werden die Anleihen an dem von ihm zitierten Peter Lindbergh sichtbar, aber eben nicht so sehr, dass keine eigene Handschrift erkennbar würde.

Die Bildschnitte sind sehr unterschiedlich gewählt. Nicht nur hinsichtlich Hoch- und Querformat, sondern auch hinsichtlich der Positionierung auf der jeweiligen Seite. Mal sind Bilder formatfüllend dargestellt, mal mit einem durchgehenden Passepartout, mal mit „Sonderformen der Bildanordnung“, die teilweise über die Falz hinausgehen, aber niemals das das Hauptmotiv in der Mitte zweier Seiten verschlingen lassen. Das ist mehr als nur „gut so“, da Karl-Heinz Weege ein sehr stabiles Papier gewählt hat und es sicherlich einige Käufer geben wird, die die Seiten des Buches nicht einfach „plattdrücken“ wollen.

Captured Moments

Für wen ist Captured Moments das Richtige?

Zuallererst: Captured Moments ist nichts, für Menschen, die gerne Bedienungsanleitungen lesen. Weder Text noch Kameradaten prägen diesen Bildband. Ganz im Gegenteil. Karl-Heinz zeigt in Captured Moments, wie vielfältig die Peoplefotografie sein kann und liefert dem ambitionierten Fotografen ein tolles Storyboard, um selbst tiefer in das Genre der Peoplefotografie einzusteigen. Doch eine Erläuterung zu jeder Bildstrecke oder Hinweise auf die verwandte Technik gibt es nicht.

Was wir als Redaktion des SWAN Magazines besonders schätzen, sind die zusammenhängenden Bildstrecken. Einzelne Top-Fotos im Instagram-Style zu einem Buch zusammenzufügen, das kann jeder… Aber über mehrere Fotostrecken hinweg konstant zu zeigen, dass das Fotografenhandwerk keine Summe glücklicher Zufälle ist, das beweist Karl-Heinz hier eindrucksvoll. Zwar erzählt nicht jede Bildstrecke eine von außen sofort erkennbare Geschichte, jedoch das Konzept, mehrere unterschiedliche Bildstrecken in einem Buch zu vereinen, überzeugt. Unser Prädikat daher: Wertvoll! Wertvoll für alle diejenigen, die bisher nicht in Fotostrecken denken und darüber hinaus für Fotografen, die Inspiration suchen und einmal neues Terrain betreten wollen.

Zitat: Karl-Heinz Weege

Ehrliche Portraits beginnen erst da, wo die Selbstinszenierung (gestellte Posen) aufhört.

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