Russell James: Angels

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Da ist es nun. Endlich! 3.812 Gramm schwer, 4 cm dick, 36,7 cm hoch und 28 cm breit. Allein mit diesen Eckdaten ist das Kultbuch schonmal ein Brecher, der im Bücherregal auffällt und danach schreit „hol mich hier raus“… und insgesamt 304 Seiten laden dazu ein, sich ausgiebiger mit dem Werken von Russell James zu beschäftigen.

Zugegeben, das Meisterwerk stand lange auf unserer Wish-List. Aber der Preis von 240 EUR für das 2014 im teNeues-Verlag erschienene Fotobuch hat uns irgendwie immer abgeschreckt. Aber leider… billiger wurde es in den letzten zwei Jahren nicht. Im Gegenteil.

Über den Tellerrand schauen

Aber manchmal lohnt es ja, nicht nur bei den „Üblichen Verdächtigen“ zu schauen. So geschehen Anfang letzter Woche. Über Umwege sind wir bei Amazon-Amerika gelandet und waren gleich überrascht: Statt für 199 Dollar gibt es das Meisterwerk dort aktuell für 128 Dollar. Da konnten wir uns dann nicht mehr lange zurückhalten… denn wer weiß, wie lange es dieses Angebot noch gibt…

Und die Limited Edition wird zum Beispiel im Onlinestore von Russell James für aktuell 1.800 Dollar angeboten. Die reizte zwar sehr, war uns dann aber doch eine Hausnummer zu groß… 😉

Unboxing

Das Unboxing war Amazon-typisch unspektakulär. Im klassischen Amazon-Faltkarton geliefert, war das Buch in Luftpolsterfolie eingepackt und zusätzlich in Klarsichtfolie eingeschweißt. Traumhaft. Da glaubt jeder Empfänger direkt: Das ist neu und ungebraucht.

Nicht viel Text

Das Buch -wie die meisten Fotobücher- verzichtet auf viel Text. Der Umschlag beinhaltet vorne und hinten ein paar Zeilen. Und dann gibt es eine Einleitung, die vielleicht den Umfang einer DIN A 4-Seite hat. Das wars.

Victoria’s Secret

Russell präsentiert sich in diesen wenigen Zeilen sehr zurückhaltend. Er feiert sich nicht, wie andere Stars der Szene, sondern zeigt sich zurückhaltend. Natürlich gibt er zu, die schönsten Frauen der Welt vor der Linse gehabt zu haben, aber zugleich bedankt er sich bei Victoria’s Secret, denn ohne die Aufträge dieses Lingerie-Spezialisten hätte vermutlich auch Russell James länger gebraucht, um dieses Buch in dieser Form zusammenstellen zu können.

Schwarz-weiss

Vom Umschlag bis zur letzten Seite: Alles ist schwarz-weiss (mit Ausnahme von zwei Aufnahmen, die aufgrund ihrer Farbe wirklich die Aufmerksamkeit auf sich lenken). Und obwohl fast alle Models nackt sind (Kleidung muss man wirklich suchen) und hier und da auch einzelne Körperteile gezeigt werden, ist Russell’s Bildstil keineswegs pornografisch. Im Gegenteil sogar. Durch die Reduziertheit und das Weglassen von Hintergründen wirkt jedes einzelne Bild wie gemalt. Die Kunstwerke strahlen eine Ruhe und Sinnlichkeit aus, wie man sie nur selten über so viele Seiten in einem Fotobuch findet.

Raum

Vielleicht liegt das auch an dem Raum, den Russell seinen Bildern gibt: Ganz häufig sind die Fotos im Hochformat auf der rechten Buchseite platziert. Und links ist nichts als schwarz. Zusammen mit dem zumeist schwarzen Bildhintergrund entstehen so unendlich groß wirkende schwarze Flächen, die den Motiven Raum zum Atmen geben.

Aber sie bremsen den Leser auch und hindern ihn dabei, das Buch „mal eben“ durchzublättern. Jede Seite lädt dazu ein, das Bild und die Körpersprache der Models aufmerksam zu betrachten. Und wer das tut, der wird schnell bemerken, dass es viele Fotografen gibt, die sich von Russell’s Meisterwerken inspirieren lassen bzw. einzelne Sets bewusst kopieren.

Ganz im Gegensatz zu Vincent Peters (z.B. in seinem Buch „Personal„) zeigt Russell nahezu keine Hintergrundszenen. Und wenn doch, dann haben sie eher den Charakter eines Accessoires.

Kleine Besonderheiten

Besonders auffällig sind die kleinen Besonderheiten. Hier und da lugt ein kleines Tattoo hervor, ein Model trägt ein bewusst knapp gehaltenes Kleidungsstück, eine Hand ist von Sandkristallen geschmückt oder im Hintergrund sieht man ein Stück vom Meer. Cineastische Kulissen sind dies jedoch nicht. Das ist eher die Handschrift von Vincent Peters. Russell James sucht eher die Nähe und zeigt hier und da sogar einen nackten Torso, ohne das Gesicht mit ins Bild zu lassen.

Überhaupt spielen Körperteile eine besondere Rolle in der Handschrift von Russell James. Die weibliche Brust gehört natürlich dazu. Aber auch wohl geformte Sitzmuskel und hier und da auch der Schambereich der Frau rückt bei Russell in den Fokus. Wer das liest, könnte an Pornografie denken, doch davon ist das Gesamtwerk genauso weit entfernt, wie Bildmotive, die einzelne Körperteile zeigen.

Russell James über sein Buch „Angels“

Ästhetik pur

Russell James gelingt es in seinem Buch „Angels“ seine Modelle wie Skulpturen zu inszenieren. Höchst ästhetisch und niemals billig. Man sieht es den Models an ihrer Mimik an, dass sie ihrem Fotografen blind vertrauen. Das ermöglicht es ihm, bei einigen Motiven auch ungewohnt nah an die Supermodels heranzukommen und so ganz besondere Bildschnitte zu wählen.

Doch zu künstlerisch wird er dabei nie. Während andere Fotografen hier und da durchaus „etwas abheben“ und sich vom Mainstream entfernen, wählt Russell stets Motive und Schnitte, die nicht provozieren, sondern den Fokus klar auf das Motiv lenken.

Überhaupt zeigt Russell in Angels nur vollformatige Fotokunstwerke. Auf Rahmen oder Schattierungen verzichtet er bewusst und nutzt so jeden Zentimeter Fotopapier dazu aus, seinen Motiven mehr Raum zu geben.

Für wen ist dieses Fotobuch das Richtige?

Angels ist kein Modelkatalog. Obwohl das Buch keine No Names zeigt. Mit dem klaren Fokus auf schwarz-weiss und seiner ruhigen Bildsprache ist Angels besonders ein Werk für diejenigen Fotografinnen und Fotografen, die ein Faible für die Aktfotografie haben, aber sich ganz klar von Pornografie entfernen wollen und dabei besonderen Wert auf künstlerische Motive legen.

Aber

Die Stringenz und Konsequenz seiner Handschrift führt bereits in der Buchmitte dazu, dass man sich auf jedes neue Motiv freut, aber keine richtige Überraschung mehr erlebt. Was in der zweiten Buchhälfte kommt, ist keineswegs ein Abklatsch oder gar minderwertiger als die erste Buchhälfte – es bleiben halt nur die Überraschungen aus (sieht man einmal von den beiden Farbbildern ab).

Russel James: Angels

Fazit

Angels zeigt Megastars. Nackt und reduziert, aber skulptural inszeniert. Wer diese Art der Fotokunst liebt, ist hier genau richtig. Ein Buch, das zum Schmökern und Nachdenken anregt und vor allem für Fotografinnen und Fotografen viel Inspiration liefert. Denn zwischen den (nicht vorhandenen Text-) Zeilen schreit Russell quasi heraus „richtige Kunst lebt von der Reduziertheit“. Und genau die zelebriert er in Angels par excellence.

Spannend ist hier sicherlich ein Vergleich mit dem SWAN Magazine. Bisher keiner der in den Ausgaben 01 bis 03 vorgestellten Künstlern kann es mit Russell James aufnehmen. Das ist klar. Doch wer Inspiration sucht und diese nicht nur in einem Genre sucht, der wird gerade dadurch, dass es im SWAN Magazine auch Hintergrundstories zu jedem Künstler gibt, sicherlich etwas mehr Inspiration mitnehmen, wenn er den gleichen Geldbetrag in ein Jahresabo investiert. Denn: Vier Ausgaben vom SWAN Magazine bringen es ebenfalls auf 4 cm Dicke, nur wenige Quadratzentimeter weniger Bildfläche pro Seite, zeigen insgesamt 20 verschiedene Künstler und nutzen dafür weit mehr als 500 Seiten… Und dennoch: Der Vergleich hinkt natürlich… 😉

Zitat: Karl Lagerfeld

Alles, was ich sage, ist ein Witz. Ich bin selbst ein Witz.

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