Mitakon Speedmaster 0.95 für Fujifilm X Kameras

0 Comments 5 min read 1241 views

Erfahrungsbericht

Die kleine Fuji X-Serie haben so einige Fotografen in ihr Herz geschlossen. Im Look alter analoger Kameras mit jeder Menge Einstellrädchen und einigen verdammt guten Objektiven hat Fujifilm eine Kamera-Objektiv-Kombi produziert, die auch Vollformat-Anhänger dazu bewegt hat, auf eine Fuji X mit Cropfaktor (also kleinerem APS-C-Sensor) umzusteigen.

Gerade Peoplefotografen, die besonderen Wert auf selektive Schärfe legen, werden mit ihren Vollformat-Boliden wahrscheinlich vor allem auf 35mm, 50mm und 85mm in den 1.4er Varianten schwören. Fuji hat da mit dem Fujinon XF 56er 1.2 R ein tolles Pendant an der langen Seite zu bieten (56mm am Crop von 1,5 entsprechen in etwa der Bildwirkung eines 85mm Objektivs), das in optischer Qualität und Haptik machem Vollformatobjektiv mit 85mm in keinster Weise nachsteht.

Sucht man aber für die klassische Normalbrennweite (50mm am Vollformat, 35mm an Crop-Kameras, wie z.B. der Fujifilm X-T1/X-T2/X-T3 zu einem vollformattauglichen 1.4er Objektiv ein vollwertiges Pendant für Fuji X, so wird es schwieriger. Das hauseigene Fujinon XF 35mm f/1.4 R entspricht (bedingt durch den Crop-Faktor) in der optischen Wirkung eher einem 1.8er oder 2.0er 50er Objektiv. Dem Offenblendfan fehlt also ein kleines Wenig an Offenblende, um ganz glücklich mit dem X-System zu sein.

Hongkong liefert eine Lösung

Der namentlich recht unbekannte Hersteller „Zhongyi“ liefert mit dem „Mitakon Speedmaster 35mm f/0.95 MK2“ ein Objektiv mit der sagenhaften Blende von 1:0.95 an. Ein wahres Lichtmonster also, dass der Fuji X-Serie komplett offenblendig  eine völlig neue Dimension der Unschärfe bietet.

Doch vor der Freude über das Speedmaster gilt es ein paar Besonderheiten zu beachten:

  • Das Mitakon Speedmaster besitzt keinen Autofokus
  • Der manuelle Fokusring läuft butterweich in seiner Fassung und erinnert an alte Objektive von Leica
  • Das Mitakon ist mit 460 Gramm Gewicht ist es mehr als doppelt so schwer, wie das Fujifilm XF 35 mm f/1.4 R (187 Gramm)
  • Die Außenmaße des Mitakon sind größer als die des Fujinon XF 35 mm f/1.4 R
  • Der Gewichtsvorteil des spiegellosen X-Systems schrumpft dann doch deutlich mit dem Mitakon am Bajonett
  • Das manuelle Fokussieren passt prinzipiell ideal zum Retrolook der X-Serie
  • Das Focuspeaking der X-Serie unterstützt beim manuellen Fokussieren ungemein
  • Preislich tun sich beide Linsen (Mitakon Speedmaster 35 mm f/0.95 und Fujinon XF 35 mm f/1.4 R) nicht viel
  • Das Mitakon kommt in einer richtig hochwertigen Verpackung (während Fujinon klassisch auf Papierkartons setzt)
  • Dem Fujinon liegt serienmäßig eine Sonnenblende bei, dem Mitakon nicht (was unverständlich ist, da man bei der Verpackung nicht gespart hat)
  • Beide Objektive gibt es in schwarz. Das Mitakon zusätzlich auch in silber
  • Ein Fujinon 35mm Objektiv (f/1.4 oder f/2.0) hat fast jeder X-Fotograf, ein Mitakon aber noch lange nicht

Fakt ist: Während Gewicht- und Preisunterschied bei einer Kaufentscheidung wie dieser vermutlich eine untergeordnete Rolle spielen, ist der fehlende Autofokus für viele Fotografen doch ein Grund, vom Mitakon Abstand zu nehmen. Der Autofokus ist einfach zu bequem. Und zusätzlich arbeitet der Autofokus bei beiden Fujinons (f/1.4 und f/2.0) auch noch rasend schnell. Dies wirft die Frage auf, ob sich der eine oder andere Fotograf mit einem manuellen Fokus nicht unnötig viel Ausschuss einkauft und ob dies dann durch die größere Blendenöffnung nicht wieder wettgemacht wird.

Manuellen Fokus muss man wollen

Diverseste Kriterien einer Kamera oder eines Objektiv lassen sich vorher festlegen. Beim Fokussieren scheiden sich die Geistern. Da Bequemlichkeit in unserer Zeit ein hohes Gut ist, tendieren erst einmal die meisten Fotografen zum Original aus dem Hause Fujinon.

Doch wer einem schönen Bokeh verflossen ist, der kommt um den manuellen Fokus (aktuell noch) nicht herum. Doch die Arbeit des Mitakon-Fotografen wird durch ein butterweiches Bokeh belohnt. Dagegen ist das Fujinon fast langweilig (auch wenn es (beide!) eine hohe optische Qualität aufweist. Am Ende entscheidet eben doch das Wollen über die Kaufentscheidung.

Wie sieht es mit der optischen Qualität aus?

Nun, es gibt vermutlich kein Objektiv auf dem Markt (herstellerübergreifend gesprochen), das bei einer Lichtstärke von f/0.95 von sich behauptet, ein Bokeh- und zugleich ein Schärfemonster zu sein.Wer die höchstmögliche Schärfe sucht, ist zumeist mit einem Makro am besten bedient. Und in der Tat, das Mitakon ist schärfetechnisch gut, aber kein Weltmeister. Das wäre physikalisch auch ein Wunder, wenn die Schärfe exzellent wäre und zudem das Bokeh supecremig. Im Bokeh ist das Mitakon aber spitzenklasse und belohnt denjenigen Fotografen, der den Fokus manuell setzt.

Abgeblendet (z.B. f/4.0) erreicht das Mitakon eine sichtbar höhere Schärfe und der Fotograf profitiert vor allem davon, dass der Fokusbereich nicht mehr haarklein eingestellt werden muss. Aber dann verflüchtigt sich natürlich auch der Grund, überhaupt manuell zu fokussieren.

Was sagt der haptische Eindruck?

„Über jeden Zweifel erhaben“ wäre wohl der richtige Begriff. Die Kombination aus großem Glas, massivem Stahl, einem blinzblank-blinkenden Bajonett und einem butterweichen Fokusring machen die Haptik des Mitakon zu einem Knaller. Da kommen beide Fujinons nicht ansatzweise heran (die vergleichsweise günstigen Sonnenblenden der Fujinons unterstreichen dies).

Fazit

Einen Bildlook wie beim Mitakon findet man im Fujinon XF-Lineup eher selten. Das Bokeh ist offenblendig schon wahrhaft traumhaft und einzigartig. Der Preis ist im Vergleich zu anderen f/0.95-Linsen nicht zu hoch und der Special Effect dieser Optik bei Offenblende dann doch zu besonders, um dem Mitakon keinen Platz in der Vitrine einzuräumen.

Doch, der manuelle Fokus hat vor allem einen Vorteil: Er entschleunigt ungemein, sorgt dafür, dass weniger Bilder auf der Speicherkarte landen und erspart einem Fotografen so erhebliche Zeitvorteile in der Bildbearbeitung ein. Der Zwang sich aufgrund des manuellen Fokus‘ intensiver mit der Bildkomposition zu beschäftigen und sich somit aktiver mit dem Fotografieren zu beschäftigen, ist eigentlich eines der Hauptargumente für das Mitakon.

Bleibt noch eine Frage

Lohnt es sich für einen X-Fotografen, das Mitakon Speedmaster 35 mm f/0.95 und das Fujinon XF 35 mm f/1.4 R zu besitzen? Nun, zwei Festbrennweiten mit der gleichen Brennweite und zudem beide recht lichtstark sind üblicherweise keine lohnenswerte Investition. Aber es gibt natürlich Hochzeitsfotografen, die auf Fuji’s X-System schwören, eh zwei Bodies betreiben und zudem an jedem Hochzeitstag unterschiedliche Aufgaben bewältigen müssen. Für Momente, die man nicht nachstellen kann (z.B. in der Kirche) ist das Fujinon XF 35 mm f/1.4 R sicher der Tipp der Stunde. Wenn dann aber später Paarfotos oder Portraits gemacht werden sollen, dann hilft das Mitakon Speedmaster 35 mm f/0.95 dabei, einen unverwechselbaren Look zu produzieren. Und dann wäre er wieder da, der Grund, doch beide zu besitzen.

Eine Alternative könnte aber auch die Kombination aus Mitakon Speedmaster 35 mm f/0.95 und Fujinon XF 35 mm f/2.0 R WR sein. Das Fujinon f/2.0 ist spritzwassergeschützt, günstiger als das Fujinon f/1.4, leichter und bietet eine höhere Randschärfe. Wer das Fujinon f/2.0 als Alltagsarbeitstier (z.B. Street/Immerdrauf) einsetzt, der darf ruhig für besondere Momente in das Mitakon Speedmaster 35 mm f/0.95 investieren und dann ganz besondere Kunstwerke schaffen. Denn dann ist der Unterschied in der Schärfentiefe so gross, dass es immer einen Grund gibt, die Objektive zu wechseln. Mal ist es der Autofokus, mal die maximale Blendenöffnung…

 

Zitat: Vincent Peters

Wenn ich weiß, was ich will… dann bekomme ich auch, was ich suche.

Was denkst Du?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

No Comments Yet.

Previous
Normale Fotomagazine langweilen dich?
Mitakon Speedmaster 0.95 für Fujifilm X Kameras